Meine Reise nach Ruanda, Ostafrika: Das erste Land weltweit mit trauma-informierter ADR-Policy

Zu Beginn dieses Jahres war ich in Ruanda – und vieles von dem, was ich dort gesehen und erlebt habe, wirkt noch immer in mir nach. Ruandas Geschichte ist geprägt von tiefer Verletzung. Und gleichzeitig zeigt dieses Land eine außergewöhnliche Fähigkeit, Schritte in Richtung Versöhnung und gesellschaftlicher Heilung zu gehen.

 

Dieser Text ist eine persönliche Reflexion darüber, was im kollektiven Feld weiterlebt – und wie Ruanda als globaler Pionier einen Weg eröffnet, Trauma-Informiertheit und restorative Gerechtigkeit in staatlichen Strukturen zu verankern. 

Die Geschichte Ruandas ist vielschichtig, wie in vielen Ländern. Gleichzeitig gibt es etwas Einzigartiges in Ruanda – eine echte Pionierleistung.

Nach einer sehr schmerzhaften Kolonialisierung, zuerst durch Deutschland und danach durch Belgien, hat sich eine tiefe kollektive Wunde gebildet. Durch die Kolonialisierung wurde gezielte Propaganda eingesetzt, um die Bevölkerung der Hutus und Tutsis immer weiter auseinanderzutreiben. Diese gesteuerte Einflussnahme bereitete den Nährboden für einen der grausamsten Genozide der menschlichen Geschichte. In nur 100 Tagen wurden eine Million Menschen auf grausame Weise ermordet. Mit massiver sexueller Gewalt und brutalster Folter wurden Tutsis (und moderate Hutus) im Rahmen eines vom Hutu-geführten Staat geplanten und koordinierten Angriffs auf die eigene Bevölkerung getötet – oft durch ihre eigenen Nachbarn.

Zu Beginn dieses Jahres reiste ich nach Ruanda, als Auftakt für ein siebenmonatiges Training in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium. Zuerst besuchte ich das Genozid-Memorial. Ich ließ den Inhalt und den tiefen Schmerz dieser Geschichte in mir wirken. Für mich ist dies eine tiefe Kontemplation, um die Nachwirkungen dieser massiven sozialen Traumatisierung zu begreifen. Während ich diese Zeilen schreibe, kann ich den Effekt dessen, was ich gesehen und erlebt habe, immer noch in mir fühlen.

In außergewöhnlicher Weise hat Ruanda bereits ab 2001 einen landesweiten Wahrheits- und Versöhnungsprozess durchgeführt. Die sogenannten Gacaca-Gerichte wurden als gemeinschaftsbasiertes Justizsystem eingesetzt, um der enormen Täter-Opfer-Dimension zu begegnen. Durch wahrhaftigen Austausch ermöglichte dieser gemeinschaftsbasierte Prozess die Reintegration eines Teils der Täter in ihre Gemeinschaften und begründete eine nationale Politik der Versöhnung. Als die Gacaca-Gerichte im Jahr 2012 geschlossen wurden, waren rund zwei Millionen Fälle bearbeitet worden.


Auch nach dieser enormen Leistung bleibt eine tiefe Fraktur und ein nachhallender Schmerz in der Gesellschaft Ruandas bestehen. Genau diesem widmen wir uns in unserem Projekt in Zusammenarbeit mit African Peace Partners (APP).


Die Mitgründerin von African Peace Partners (APP), Emily Gould, arbeitet seit 2011 in Ruanda an trauma-informierter restaurativer Gerechtigkeit auf Gemeindeebene sowie als internationale Beraterin für Rechtsreformen im Justizsektor Ruandas. Infolge ihrer Arbeit mit ruandischen Kolleg:innen und der gemeinsamen Arbeit mit dem Justizministerium verabschiedete Ruanda im Jahr 2022 eine wegweisende ADR-Policy (Alternative Dispute Resolution). Sie ist die erste nationale Justizpolitik weltweit, die ausdrücklich einen trauma-informierten Ansatz fordert und Mediation sowie restaurative Gerechtigkeit im gesamten Rechtssystem in den Mittelpunkt stellt.

Seit mehreren Jahren arbeiten Emily (gemeinsam mit African Peace Partners) und ich (im Rahmen des Global Restoration Institute (GRI) und teilweise unterstützt durch das Pocket Project) im Hintergrund an diesem Projekt. Nun hat die erste Phase begonnen: kollektive, trauma-informierte Arbeit in verschiedenen Ministerien – insbesondere im Justizministerium – zu lernen und zu trainieren und sie im Rahmen der Umsetzung der ADR-Policy in die Gesellschaft zu tragen.

Dies ist sowohl für Emily als auch für mich ein Herzensprojekt. Wir sehen darin die Pionierleistung Ruandas, als erste Nation einen groß angelegten Prozess kollektiver Traumaheilung einzuleiten. Die Kerngruppe, bestehend aus Menschen aus verschiedenen Ministerien, Organisationen und NGOs, wird das Erlernte in ihre jeweiligen Arbeitsbereiche tragen und so eine trauma-informierte ADR sowie ein Verständnis kollektiver Traumaheilung implementieren.

Für Emily und mich ist dies ein Herzensprojekt. Wir sehen darin die Pionierleistung Ruandas: als erste Nation einen groß angelegten Prozess kollektiver Traumaheilung einzuleiten. Die von uns zusammengebrachte Kerngruppe von Führungspersönlichkeiten – bestehend aus Menschen aus verschiedenen Ministerien, Organisationen und NGOs – wird das Erlernte in ihre jeweiligen Arbeitsfelder tragen und auf diese Weise ein trauma-informiertes, restauratives Justizsystem umsetzen, das ein Verständnis kollektiver Traumaheilung integriert.

Nach der Phase der Gacaca-Gerichte kann auf diese Weise die Heilung der Gesellschaft Ruandas weiter fortschreiten – und der unglaubliche Schmerz in posttraumatisches Wachstum verwandelt werden. 

Ich möchte an dieser Stelle Emily Gould für die fantastische Arbeit danken, die sie als Fundament für dieses Projekt bereits geleistet hat.

In einem zweiten Teil werden Emily und ich tiefer auf diese Arbeit eingehen und unsere Perspektiven in einem weiteren Blogartikel teilen.

Thomas Hübl

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