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Internet, technologische Entwicklung und Trauma

Warum ist es heute wichtig, diese zwei Themen zusammenzubringen?

Die technologische Weiterentwicklung schreitet heute nahezu explosionsartig voran. Digitalisierung der Arbeitswelt, Industrie 4.0, Roboterisierung, künstliche Intelligenz, und Transhumanismus (die Verbindung von Mensch und Maschine) sind da einige Stichworte.

Internet New TechnologyAuf der einen Seite beinhaltet jede Neuentwicklung auch das Potential, zur Heilung von Trauma beizutragen. Auf der anderen Seite können sich neue Technologien individuell und gesellschaftlich trauma-verstärkend auswirken, in dem die Überforderung, die Polarisierung und Fragmentierung weiter vorangetrieben wird. Und sie können neue Traumata erzeugen, individuell und kollektiv.

Wir befinden uns heute möglicherweise an einem Scheidepunkt. Wir als Menschheit sind gefragt, individuell und kollektiv, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass die Richtung der technologischen Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit und Menschlichkeit geht, und nicht in Richtung „Human Downgrading“ (die Herabstufung des Menschlichen), wie Tristan Harris es formuliert. „Human Downgrading“ bezeichnet die kombinierten negativen Auswirkungen der digitalen Technologie auf Mensch und Gesellschaft.

Nutzen wir als Menschen die Technik für unsere Evolution und machen sie uns zum Partner – oder werden wir von Technik beherrscht?

Technologische Entwicklung macht kollektives Trauma sichtbar

Als Ganzes betrachtet ist das Internet eine entscheidende Weiterentwicklung und hat geradezu revolutionäre neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet. Thomas Hübl nennt es das „externe Gehirn der Menschheit„. Diese Entwicklung im Außen spiegelt ein inneres Potential des Menschen wieder. Der Radius des Umfeldes, aus dem ich Informationen beziehen kann, hat sich von meinem geografischen Standort völlig losgelöst und sich auf die ganze Welt ausgedehnt. Neue Strukturen und Vernetzungsmöglichkeiten, die auf dieser Grundlage entstehen, geraten in Spannung und auch in Konflikt mit alten, vorhandenen hierarchischen Strukturen, die auch mit Machtkonzentration zu tun haben. Dadurch treten auch Muster von kollektivem Trauma deutlicher hervor.

Thomas Hübl, TEDxMarin Talk

Kollektives Trauma ist eher unsichtbar. Ist es besonders tiefliegend und langanhaltend, und ist es schon über mehrere Generationen wirkmächtig, hat es kulturelle und gesellschaftliche Strukturen gebildet, in die wir hineingeboren werden. Unser so geprägtes Umfeld erscheint uns dann „normal“. Das Trauma ist verdeckt und oft nur über bestimmte Symptome und Auswirkungen wahrnehmbar und erfahrbar.

Durch die zunehmende Kohärenz, die Entwicklung dieses „externen Gehirns der Menschheit“, das Internet, mit seinen neuen und innovativen Möglichkeiten der Vernetzung, kann kollektives Trauma jetzt sichtbar werden. Denn mit zunehmender Kohärenz werden die Bereiche, wo Inkohärenz dominiert, wahrnehmbar. Zunehmende Vernetzung eröffnet die Möglichkeit, dass die isolierten Anteile im Kollektiven plötzlich deutlicher spürbar werden, und in Erscheinung treten. Quer- und Schwarm-Vernetzungsstrukturen fordern die alten hierarchischen Strukturen heraus und bedrohen sie sogar. Ein höherer Grad von Verbindung bringt das Unverbundene ins Sichtbare. Der transparentere Informationsfluss detektiert die intransparenteren Bereiche und Institutionen der Gesellschaft.

Reaktivierung von Trauma durch Internet und Co

Die Geschwindigkeit der Datenübertragung erhöht sich kontinuierlich. Immer größere Datenmengen jagen immer schneller durch das Netz. Ist dein Körper noch synchronisiert mit den Informationsmengen, die dein Intellekt konsumiert? Mehr Druck auf das Nervensystem wird erzeugt. Das Nervensystem eines gesunden Menschens kann diesen Druck verarbeiten, und umwandeln in Entwicklung und Evolution. Ist aber Trauma da, hat das Nebeneffekte: Dissoziation, Burnout, Überforderung, Stress, Angst, Entkörperung.

News Feed AppViele der Inhalte, die von den News Feeds um die Welt gesendet werden, haben traumatische Inhalte, und können retraumatisierend wirken, bei entsprechender Prädisposition.

Das Internet kann zur Sucht werden (Onlinespiel-Sucht ist inzwischen offiziell als Krankheit anerkannt, die Internet-Sucht und die Handy-Sucht wird häufig als Krankheitsbild beschrieben).

„Noch nie war es so einfach, vor sich selber wegzulaufen.“ Thich Nhat Hanh (über die neuen Technologien)

Die „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ dockt an Trauma-Symptomen an

Tristan Harris war auf den Celebrate Life Festival 2019 für ein Gespräch mit Thomas Hübl zugeschaltet.

Thomas Hübl Tristan Harris CLF 2019

Thomas Hübl, Tristan Harris, CLF 2019

Er hat den Begriff der „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ (attention economy) in das Zentrum der Diskussion gerückt. Der Überfluss an Information in der heutigen Informationsgesellschaft erzeugt an anderer Stelle einen Mangel: und zwar bei der Aufmerksamkeit, die es braucht, um die Informationen verarbeiten zu können. Daraus ergibt sich für die Unternehmen, deren Geschäftsmodelll auf der Erlangung der Aufmerksamkeit ihrer Kunden beruht, dass die knapper werdende Aufmerksamkeit ein mehr und mehr umkämpftes Gut ist.

Harris hat einige Jahre als Ethik-Designer bei Google gearbeitet, und wurde als das „Gewissen“ der Firma bezeichnet. Er beschäftigte sich mit der moralischen Verantwortung der Tech-Companies und kam zu dem Schluß, dass deren Geschäftsmodell nicht ist, unsere Intelligenz zu stärken, sondern unsere Schwächen gezielt zu erforschen und auszunutzen für ihre Zwecke. Mit gravierenden Folgen.

Teenager-Selbstmord war vor 2010 in den USA rückläufig, und hat jetzt Steigerungsraten von 17 Prozent! Harris sieht das im Zusammenhang mit der Entwicklung von Social Media und deren Einfluß auf Jugendliche.

Nachdem er bei Google keine Erfolge sah in seinem Bemühen, auf die Firma in Richtung einer Erhöhung der ethischen Standarts einzuwirken, schied er dort aus und gründete das „Center for Humane Technology„.

Mit 2,45 Milliarden aktiven Nutzern im dritten Quartal 2019 ist Facebook das größte soziale Netzwerk weltweit. Das ist mehr als der Einflußbereich des Christentums. Obwohl die Nutzung kostenlos ist, werden Firmen wie Facebook als milliardenschwer eingestuft. Wie kommt das? Deine Daten und die der vielen anderen Benutzer machen diesen Wert aus. Daten sind das Gold des digitalen Zeitalters, heißt es. Da ist ein neuer millliardenschwerer Markt entstanden.

Mann LaptopUnd wie gelangen Plattformen wie Facebook, Youtube, Instagram und Co an Daten? Indem sie dich dazu animieren, immer mehr Zeit dort zu verbringen. Ein harter Kampf um die Aufmerksamkeit ist entbrannt. Dafür wird erforscht, welche Mechanismen dabei am erfolgreichsten sind. Wie kann man das Unbewußte der User am besten überlisten, und Triggerpunkte ausnutzen, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Je mehr Trauma, desto mehr Andockpunkte für Manipulation und solche Attacken gibt es. Zugute kommt diesen Strategien, dass viele Menschen meinen, sie seien immun gegen Manipulation.

„Die Plattformen sprechen einen Teil des menschlichen Gehirns an, der auch Reptiliengehirn genannt wird und für Emotionen, Suchtverhalten und Triebe verantwortlich ist“ Elayne Safir, Interface-Designerin

Internet CodeEbenfalls geht es darum, mit ausgefeilten hochmanipulativen Techniken bestimmte, oft politische Informationen zu vermitteln, und an ganz bestimmte Zielgruppen zu bringen.

„Unser Bewusstsein wird dadurch gekidnappt“, sagt Harris. „Technologie bestimmt, was zwei Milliarden Menschen jeden Tag denken und glauben.“

Dies ist inzwischen, laut Harris, zu einer großen Gefahr für demokratische Strukturen, für Wahlen und für den Zusammenhalt der Gesellschaft geworden. „Die Aufmerksamkeits-Ökonomie zerreißt unser gemeinsames Sozialgefüge.“

Was kann jede/r Einzelne von uns tun, um die Übergriffe auf unsere Aufmerksamkeit zu minimieren?

  • Internet AttentionErkenne, dass du manipuliert wirst
  • Werde bewußter und arbeite an deinen Schatten. Je mehr Bewußtheit, desto weniger bin ich empfänglich für die Mechanismen, die auf mein Unbewußtes abzielen.
  • Weniger ist mehr: Nimm eine Nachricht (aus der Zeitung, der App oder dem Internet) und kontempliere sie wie in einer Meditation. Beobachte, was in deinem Körper, deinen Gedanken und deinen Gefühlen geschieht. (Siehe Five-Minutes-a-Day-Praxis)

Tristan Harris‘ Tipps für das Handy (um die Stress-Simulation zu stoppen und den Einfluss auf das Nervensystem zu minimieren)

  • Stelle das Handy-Display auf Schwarz-Weiß um (Farbe, besonders Rot, triggert)
  • Stelle dein Handy auf lautlos
  • Stelle alle Benachrichtigungen ab, die maschinell und von Alghorithmen generiert werden, und lasse nur die durch, die von realen Menschen kommen

Handy Mobile privatGehe über einen VPN-Dienst ins Internet (diese Virtual Private Networks schützen und anonymisieren deine persönlichen Daten).

Was wir tun können – als Gesellschaft

Zuerst mal ist es wichtig, die Probleme klar zu benennen. Es braucht den unverstellten Blick auf das „Human Downgrading“, die Herabwertung des Menschlichen in der Entwicklung der neuen Technologien, die schon länger läuft, und auf den kulturellen Klimawandel, der dadurch ausgelöst wurde.

Als Gesellschaft können wir

  • Das kulturelle Erwachen fördern und uns aktiv in die Gesellschaft einbringen
  • Dafür sorgen, dass Traumawissen in die technologische Entwicklung einfließt
  • Die Firmen unterstützen, die einen besseren Job bei der Privatsphäre machen
  • An die moralische Verantwortung derjenigen Menschen appellieren, die in den Tech-Companies arbeiten
  • Darauf hinwirken, dass sich Entwickler dazu verpflichten, den Menschen zu helfen, die Zeit „besser“ zu verbringen, statt den Menschen mehr Zeit mithilfe manipulativer Techniken zu nehmen
  • Neuen ethischen Standarts zum Durchbruch verhelfen

Ausblick

Tristan Harris

Tristan Harris

Die ultimative Freiheit ist ein freier Geist, und wir brauchen Technologie, die auf unserer Seite ist, und uns hilft, frei zu leben, zu fühlen, zu denken und zu handeln.“ Tristan Harris

„Wir stellen uns eine Welt vor, in der die Technologie unser gemeinsames Wohlbefinden, unsere Vernunft, unsere Demokratie und unsere Fähigkeit, komplexe globale Herausforderungen anzugehen, unterstützt.“ Center for Humane Technology

„Durch das World Wide Web haben wir eine äußere Manifestation unserer inneren Architektur geschaffen. Wir haben ein globales Gehirn geschaffen. Und durch das globale Gehirn haben wir eine neue Perspektive, ein neues Bewusstsein für die Menschheit und die Welt. Und deshalb glaube ich, dass eine höhere digitale Bewusstseinsstufe jetzt möglich ist. Wenn wir Technologien einsetzen, die uns helfen, Traumata zu integrieren, haben wir einen sehr starken Partner. Wenn wir Technologie entwickeln und gleichzeitig über Traumata informiert sind, und dies dort einfließt, glaube ich, dass wir das Trauma in der Welt heilen können.

Thomas Hübl 2019

Thomas Hübl

Und das bedeutet, dass wir das digitale Zeitalter mit Bewusstsein und in Verbundenheit leben können. Wir können unsere Beziehungsfähigkeit erweitern, wenn wir eine E-Mail schreiben, wenn wir eine SMS senden, wenn wir auf Social Media posten. Wir können uns so real auf diese Menschen beziehen und sie so fühlen, als ob sie im Raum mit uns wären. Ich glaube, das hat den Effekt, dass der Cyberspace zu einem warmen, intimen und vertrauten Ort werden kann. Beziehung ist der wichtigste Faktor bei der Heilung von Traumata. Wenn wir die neuen Technologien so zur Ausweitung unserer Beziehungsfähigkeit nutzen können und sie zu unserem Partner dabei machen, können wir nicht nur individuelle Traumatisierungen, sondern auch unsere kollektiven Traumata in der Welt integrieren.“ Thomas Hübl

Ina Krause

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Quellen:

Gespräch zwischen Tristan Harris und Thomas Hübl
31. Juli 2019, Celebebrate Life Festival in Germany

„Gegen die Macht des Reptiliengehirns“ – Eike Kühl, ZEIT 11. März 2018
https://www.zeit.de/digital/internet/2018-03/sxsw-silicon-valley-technologie-facebook-abhaengigkeit-tristan-harris/komplettansicht

Video „The Trauma of Technology“ – TED-Talk by Thomas Hübl (auf Englisch)

 

Video „Five Minutes a Day Practice“ – A Contemplation Practice for Global Citizens, Thomas Hübl (auf Englisch)

 

Video „Internet and Human Consciousness“ – Thomas Hübl (auf Englisch)

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